Kostenlos anmelden

Ich bin ein(e):
weiter »

Ein Trend mit vielen Formen: Breadcrumbing

Immer mehr Online-Portale versprechen ihren Nutzern Unterstützung bei der Partnersuche. Und immer mehr Menschen bedienen sich dieser Offerte. Doch genauso viele sehen in Tinder, Once & Co. einen perfekten Tummelplatz für ihr Ego. Beweise dafür liefert ein Trend namens Breadcrumbing.

Was steckt dahinter?

Hand hält Brot für eine MöweWas es mit Breadcrumbing auf sich hat, verrät bereits seine lautmalerische Bezeichnung: Das aus der englischen Sprache stammende Wort setzt sich zusammen aus den Vokabeln für "Brot" und "krümeln". Damit bedeutet es so viel wie "jemanden anfüttern" - also durch das Hinwerfen kleiner Bröckchen anlocken und neugierig oder gar zutraulich machen. Nicht umsonst erinnert Breadcrumbing an das Füttern von Tieren, die mittels Häppchen in eine bestimmte Richtung geführt werden sollen, um dann an gewünschter Stelle festzusitzen. Nur dass es sich bei der hier beschriebenen Lockspeise nicht um Brotkrumen im eigentlichen Sinne handelt - sondern im übertragenen.

Das Breadcrumbing-Mittel der Wahl sind Worte, Kurznachrichten, Posts, Likes oder Emojis. Die erfüllen für Breadcrumber den gleichen Zweck wie die oben beschriebenen Futterbröckchen: Sie zu lesen oder zu sehen, lockt an, macht neugierig und weckt das Bedürfnis, der Spur zu folgen. Doch genau wie echtes Breadcrumbing endet auch die virtuelle Fährte häufig in einer Sackgasse - aus der es kaum Entrinnen gibt.

Wie funktioniert es?

Im Gegensatz zu realen Tierfängern geht es Breadcrumbern nämlich gar nicht darum, das "Vögelchen" zu fangen oder zu erlegen - sondern es festzusetzen. Darum kommen sie immer wieder an den Ort des Geschehens zurück und werfen neue Krümel aus - ganz ähnlich, wie bei einem Wellensittich im Käfig, der die Gaben mit fröhlichem Gezwitscher oder Geplapper quittiert.

Potenzielle Opfer des so beschriebenen Breadcrumbing sind all jene, die auf Online-Portalen mit liebestiftendem Hintergrund unterwegs sind. In ihnen finden "Krümelwerfer" die richtigen Partner. Nicht für's Leben, versteht sich - und im Zweifelsfall nicht mal für eine Nacht. Denn Breadcrumber sind nicht darauf aus, jemanden kennenzulernen oder gar zu treffen. Sie suchen lediglich einen Kick, eine Bestätigung, etwas Wohlgefühl.

Das Ziel von Breadcrumbing ist es, die mit Krümeln "beworfene" Person interessiert zu machen, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich ihre Zuwendung zu sichern. Indem der- oder diejenige darauf reagiert, verspüren Breadcrumber das gleiche wohlige Prickeln wie beim Flirten. Im Unterschied zu realen Blickkontakten, Berührungen oder Komplimenten gehen sie dabei keinerlei Risiko ein - denn die Wortwechsel erfolgen ausschließlich via Bildschirm / Display.

Wer ist ein "typischer" Breadcrumber?

Das minimiert nicht nur die Gefahr, sich zu blamieren, abzublitzen oder in kompromitierende Situationen zu geraten - sondern auch die Möglichkeit, inflagranti erwischt zu werden. Für gewöhnlich handelt es sich bei Breadcrumbern nämlich um gebundene Menschen; also Männer oder Frauen, die in einer Partnerschaft / Ehe leben, dort aber das "gewisse Etwas" vermissen oder die eingefahrenen Gleise fürchten. Ein ebenfalls hoher Prozentsatz von Breadcrumbern entfällt auf Personen mit schwachem Selbstwertgefühl oder Bindungsproblemen.

Junge Frau flirtet in einem Café

Das Vorgehen beim Breadcrumbing aber ist bei allen gleich: Mit minimalistisch verfassten WhatsApp- bzw. Kurzachrichten, einer E-Mail oder einem Eintrag im Gästebuch der Homepage / des Blogs vermitteln sie Interesse; haben aber gar keins, denn die karg gestreuten Meldungen gehen so gut wie nie ins Persönliche. Auch die Frage "Wie geht's?" zielt nie darauf ab, das Befinden der / des Ansgesprochenen bzw. -geschriebenen zu erkunden. Alles dient einzig und allein dem Zweck, sich in Erinnerung zu rufen und Zuwendung in Form von Antwort zu bekommen.

Aber Worte sind längst nicht das einzige Medium, dessen Breadcrumber sich bedienen. Manche nutzen die nonverbale Kommunikation ebenso erfolgreich: Ein Smiley hier, ein Emoji da, ein Instagram- oder facebook-Like dort - und schon haben sie ihr Ziel erreicht: Der / Die "Bedachte" ist freudig-überrascht und meldet sich umgehend zurück. Dieses Minimum reicht Crumbern aus, sich besser zu fühlen - für die nächsten Stunden, Tage oder auch Wochen.

Wer ist ein "typisches" Opfer?

Denn natürlich bist Du nicht der / die Einzige auf der Breadcrumbing-Liste. Meist dienen zwei bis drei, manchmal auch mehr Personen als Ego-Booster. Je nachdem, was sie zu "bieten" haben, oder wie prompt sie auf Meldungen reagieren, werden sie abwechselnd angeschrieben, angestupst oder gelikt.

Frau schaut skeptisch auf ihr Telefon

Handelt es sich um Menschen, die allgemein großes Interesse erregen, kann sich das "Krumen-Werfen" vervielfachen - denn dann profitieren die Crumber doppelt: einmal von ihrem eigentlichen Opfer und einmal vom Neid derjenigen, die es ebenfalls kennen.

Wobei "Kennen" ein perfektes Stichwort ist, da sich unter Ex-Partnern überraschend viele Breadcrumber finden. Bei ihnen dient das Crumbing häufig dazu, sich die verlassene Frau / den verlassenen Mann noch etwas "warm zu halten" - falls es mit der / dem "Neuen" dann doch nicht klappt oder sie schneller als gedacht verlassen werden.

Wie beende ich das Breadcrumbing?

Das klingt narisstisch - und ist es auch. Deshalb helfen gegen Breadcrumber die gleichen Strategien wie gegen Menschen die gemeinhin als Narzisst/-in bezeichnet werden. Es würde an dieser Stelle definitiv zu weit führen, deren psychologischen Hintergrund zu beleuchten; aber die angeratenen Maßnahmen ähneln einander auf verblüffende Weise:

Sozialpsychologen raten Opfern von Breadcrumbing zum "kalten Entzug". Das heißt, den Kontakt mit einer einzigen deutlichen Ansage abzubrechen - und auf weitere Krumen nicht mehr zu reagieren. Leider klingt das einfacher als es ist, denn sobald Du Dich von einem Breadcrumber zurückziehst, wirft er einen neuen Köder aus - der vermutlich noch viel appetitlicher ist als die bisherigen. Doch auch der dient nur dem einen Zweck: Dich weiter gefügig zu halten und Deine ganze Energie auf den Betreiber des Breadcrumbing zu konzentrieren.

Womit muss ich noch rechnen?

Bei zahlreichen Opfern ist das Bemühen um zeitnahe Rückmeldung bereits zu einer regelrechten Lebensaufgabe geworden, der sie alle möglichen Dinge untergeordnet haben. Auch darin gleicht Breadcrumbing dem klassischen Bild der nazisstischen Störung. In beiden Fällen wird das Zielobjekt so weit wie möglich isoliert, um es noch besser kontrollieren und manipulieren zu können.

Fruchten die Schmeicheleien des Breadcrumbers nicht mehr, schlagen sie ins Gegenteil um. Der einst so charmante Mensch wird plötzlich beleidigend und verletzend und versucht, Dir die Schuld für das Scheitern der Annäherungs-Versuche in die Schuhe zu schieben. Frei nach dem Motto "jetzt habe ich mich endlich mal getraut und Du ziehst Dich zurück".

Im schlimmsten Fall beginnt der Breadcrumber, seine eigenen Defizite auf Dich zu projizieren. Dann wirst Du zum Opfer von Schimpf-Tiraden. Für gewöhnlich finden diese aber nicht "öffentlich" statt, denn damit würde sich der Crumber selbst demontieren. Nach außen vertritt er stets das Bild des charmanten, zuvorkommenden und toleranten Menschen.

Das einfachste und wirksamste Gegenmittel

Doch zum Glück kannst Du die gleichen Optionen nutzen wie er selbst: Da beim Breadcrumbing vor allem SMS, WhatsApp, Facebook & Co. als Kontaktmedien dienen, lässt sich die Erreichbarkeit ganz schnell ausschalten. Die angeratenen Wege sind das Löschen oder Blockieren von Nummern, Zugriffen und Kommentarfunktionen. Damit ziehst Du dem Breadcrumber buchstäblich den Stecker. In Deinem eigenen Interesse solltest Du ihn danach nie (!) wieder einstöpseln.

Abschließend erlauben wir uns noch den Hinweis, dass Breadcrumbing kein rein männliches Phänomen ist. Unter Herren ist es zwar wesentlich verbreiteter; aber auch bei Frauen anzutreffen. Damit weist es eine weitere verblüffende Parallele zum Narzissmus auf. Menschen mit echten Dating-Absichten gibt es dennoch da draußen, man muss sie nur finden.

Bildnachweise
1. Bild © chechotkin / fotolia.com
2. Bild © ZoomTeam / fotolia.com
3. Bild © contrastwerkstatt / fotolia.com